Projekte 2002-2004

   
Baubeschreibung und Geschichte
Die Pfarrkirche St. Martin liegt am Südrand des historischen Ortskerns von Trochtelfingen erhaben auf einem Hügel. Das Patrozinium St. Martin weist auf ein hohes Alter der Kirche, zumindest seiner Vorgängerbauten hin. Ältester Bauteil ist der Turm, dessen unterer Teil wohl aus dem 12. Jahrhundert stammt. Von der Größe des dazugehörenden Kirchenschiffs ist fast nichts bekannt. Nach dem Stadtbrand von 1320 entstand der Chor mit Kreuzgratgewölbe über zwei quer-oblongen Jochen und flachem Chorschluss. Das heute bestehende Langhaus wurde 1451 unter Graf Eberhard von Werdenberg erbaut und diente seinem Haus als Grablege. Die Familiengruft befindet sich unterhalb des südlichen Seitenaltars. Aus barocker Zeit, um 1700, sind die doppelstöckige Westempore und drei nicht sichtbare Rundfenster erhalten. Eine wesentliche, heute noch raumbestimmende Umgestaltung erfolgte 1823. Der Chor wurde gegenüber dem einspringenden Turm durch Einbau einer weiteren Sakristei im Süden mit darüberliegenden "Chörle" nach Westen verlängert und ein weiterer Chorbogen im Anschluss an die Westwand des Turmes eingezogen. Es entstand ein Vorchor mit einem Kreuzgratgewölbe. Das Schiff erhielt ein Tonnengewölbe aus Stuck, das auf einem kräftig profilierten Kranzgesims aufsitzt. Ausstattungsveränderungen erfolgten 1879 durch das Aufstellen reich verzierter Altarschreine, den Einbau einer Kanzel und einer Orgel im Stile der Neugotik. 1894 vollzog man eine Ausmalung in dunklen Tönen, die 1931 wieder beseitigt wurde. In dieser Zeit wurden die Malereien im Chorgewölbe aus der Zeit nach 1320 mit Sternen, Sonne, und Mond, Evangelistensymbolen, Majestas Domini und dem Lamm Gottes freigelegt, ebenso ein Wandbild an der Nordwand des Langhauses aus der Zeit um 1480, auf dem das "Jüngste Gericht" dargestellt ist sowie das 1823 entstandene Wandbild in der Lünette über dem Chorbogen mit der Darstellung des Heiligen Martin. Eine "Kreuzigungsgruppe", die aus einem Kruzifix aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts und drei trauernden Frauen aus der Zeit des "weichen Stils" besteht, wurde um 1930 zusammengestellt und an der Turmwand angebracht.
1962/ 63 entfernte man die neugotische Ausstattung bis auf den Orgelprospekt. Die bauzeitlichen und darüber liegenden Fußbodenplatten aus Sandstein wurden herausgenommen, eine Heizung mit Heizungskanal und eine die Grundfläche der Kirche einnehmende Betonplatte eingebracht, der Fußboden im Schiff um etwa 20 cm angehoben und mit Kalksteinplatten belegt. Die Altäre erhielten gleichfalls eine Umkleidung aus Kalkstein.
Anstelle des neugotischen Hochaltars fand die "Kreuzigungsgruppe" an der Ostwand des Chores eine neue Aufstellung. Die beiden seitlich gelegenen und nicht ursprünglichen Fenster wurden geschlossen. Weiterhin stattete man die Kirche im Stile der 1960-er Jahre mit neuen Bänken, Chorgestühl und Beichtstühlen aus sowie mit einer neuen künstlerisch gestalteten Kanzel, Kommunionbank und weiteren plastischen Werken von Hilde Broer.
Schon nach wenigen Jahren wurde die moderne Ausstattung von der Kirchengemeinde teilweise entfernt, um größtmögliche Freizügigkeit für eine Neugestaltung des Altarraums mit einem nahe an die Gemeinde herangerückten und gut sichtbaren Volksaltar zu schaffen. Man baute einen provisorischen Holzboden in den Chorraum, mit dem das höhere Fußbodenniveau bis vor den Chorbogen verlängert wurde. Von dem vorn platzierten Altar aus wurde eine Zeit lang zelebriert.

Aufgabenstellung
Das Erzbischöfliche Bauamt erhielt den Auftrag, einen Altarraum zu gestalten, der dem Wunsch der Kirchengemeinde nach Nähe und guter Sicht ebenso gerecht werden sollte, wie dem tradierten Raum. Es wurden verschiedene Chorraumgestaltungen entworfen und diskutiert. Ausschlaggebend für die Wahl der realisierten Lösung war die Forderung des Landesdenkmalamtes, das Fußbodenniveau auf die ursprüngliche Höhe zurückzuführen. Die bereits im Jahre 1995 begonnenen, umfassenden Voruntersuchungen hatten ergeben, dass die Wände der Kirche teils über 1,5 m Höhe durchfeuchtet und salzbelastet sind und schon unterhalb dieser Höhe Malereibefunde vorliegen.

Sanierung und Neugestaltung
Mit der Absenkung des Fußbodens und der Neuverlegung der Sandsteinplatten auf kapillarbrechendem aber diffusionsoffenem Unterbau wurden die bauphysikalischen Bedingungen verbessert. Ferner wurde eine Annäherung an das historische Erscheinungsbild hinsichtlich verbesserter Proportionen des Raumes und seiner historischen Ausstattung erreicht. Die Tumba des Werdenbergschen Grabmals steht wieder auf dem Fußboden und "versinkt" nicht mehr darin. Nach dem Abbau der Kalksteinumkleidungen des Hochaltares und der Seitenaltäre zeigte sich ein bauzeitlicher, gemauerter Hochaltar mit monolithischer Mensa aus Sandstein. Die ebenso gearbeiteten Mensen der Seitenaltäre sind dem 14. / 15. Jahrhundert zuzuordnen, deren Stipes stammen wohl aus dem 19. Jahrhundert.

Neue Liturgische Ausstattung
Für den Entwurf der neuen Prinzipalstücke (Altar, Ambo, Sedilien) sowie die Gestaltung des Chorraums wurde ein Künstlerwettbewerb ausgeschrieben. Aus diesem ging einstimmig die Arbeit des Künstlers J.M. Hoppe hervor, da der Künstler an die Spannung in der Raumwirkung anknüpft, die aus den zueinander versetzten Mittelachsen der Bauglieder unterschiedlicher Bauphasen resultiert und in den einzelnen Prinzipalstücken das Verhältnis von Massivität und Leichtigkeit thematisiert, wie es sich auch in den Architekturgliedern des Raumes zeigt. Die Rüsterholzmensa des neuen Altares ruht auf einem kreuzförmigen, hölzernen Fuß, der sich aus einem kreuzförmigen Einschnitt im steinernen Stipes erhebt. Der Tabernakel aus Rüsterholz ist auf dem alten Hauptaltar platziert. Weil der historische Taufstein in einer südseitigen Wandnische schlecht zugänglich war, wurde der Taufort im Langhaus vor der Chorstufenanlage neu gestaltet. Der Ambo steht an der Kante des Chores zum Langhaus. Ein breite Zwischenstufe vermittelt zwischen dem Bodenniveau des Langhauses und dem des Chores.
Kirchenschiff mit »Hl. Martin«
über dem Chorbogen und
»Jüngstem Gericht« an der
nördlichen Außenwand

Blick aus dem Chor
ins Kirchenschiff mit
barocker zweistöckiger Empore
Die neue liturgische Ausstattung
des Künstlers J. M. Hoppe

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